Die Neurografie ist ein elektrophysiologisches Untersuchungsverfahren, mit dem die elektrische Leitfähigkeit peripherer Nerven gemessen werden kann. Die Weiterleitung elektrischer Energie in Form von Aktionspotenzialen entlang der meist myelinisiertenNervenfasern (Axone) wird dabei künstlich mittels elektrischer Stimulation eines oberflächlich verlaufenden peripheren Nerven durch die Haut induziert. Die so induzierten Aktionspotenziale erzeugen Potenzialdifferenzen, die dann an einem oder mehreren vom Stimulationsort entfernten Punkten im Nervenverlauf oder von einem innervierten Muskel abgeleitet werden. Die elektrische Leitfähigkeit des Nerven lässt sich anhand mehrerer physikalisch messbarer Parameter beschreiben, u.a. anhand der Nervenleitgeschwindigkeit (Geschwindigkeit der Weiterleitung elektrischer Impulse). Diese nimmt proportional mit dem Durchmesser der Nervenfaser sowie der Dicke der Myelinschicht zu. Daneben lässt sich ein indirektes Maß für die Anzahl der erregbaren Nervenfasern bestimmen: Je höher die von außen eingebrachte Reizstärke, desto mehr Axone im Nerven werden erregt. Je mehr Axone erregbar sind, desto höher ist die Summe ihrer Antwortpotenziale (Summenaktionspotenzial), welche über die Ableitelektroden erfasst werden kann. Verminderungen der Leitfähigkeit können auf verschiedene Erkrankungen oder Verletzungen peripherer Nerven hinweisen und treten in unterschiedlichen Ausprägungen auf. Insb. bei der Unterscheidung zwischen einer Schädigung der Axone und einer Schädigung der umhüllenden Myelinschicht sowie zur Lokalisierung der Schädigung im Nervenverlauf ist die Neurografie das diagnostische Werkzeug der Wahl.
Physiologische Leitungsrichtung von zentral nach peripher
Muskelfaser: Mehrere über Tight Junctions verbundene Muskelzellen, in denen sich das elektrochemische Signal zellübergreifend ausbreiten kann, um eine gemeinsame Kontraktion zu erreichen
Die leitenden Nervenfasern sind lange, durchgehende Strukturen, die von potenziell weit entfernten Zellkörpern im Rückenmark bzw. den Spinalganglien ausgehen. Werden sie an einer Stelle zerstört bzw. gehen sie verloren, führt dies im Verlauf zu anhaltendem Funktionsverlust der gesamten Faser!
Die Myelinschicht um die Nervenfasern wird von vielen Zellen entlang der Fasern gebildet. Deren Verlust bzw. Schädigung führt nicht notwendigerweise zu einem Funktionsverlust der Faser, wohl aber zu einer Funktionsstörung. Diese ist potenziell reversibel, da Myelin regeneriert werden kann!
Je dicker die Myelinschicht, desto größer der elektrische Widerstand zum umgebenden Gewebe und desto schneller die saltatorische Weiterleitung der Aktionspotenziale
Für eine Wiederholung elektrophysiologischer Grundlagen der Erregungsleitung siehe auch: Ruhe- und Aktionspotenzial
Technische Grundlagen
Elektrische Reizung eines Nerven
Stimulation: Zuführung eines elektrischen Impulses von extern über Hautelektrode → Spannungsänderung an der Nervenmembran → Generierung eines Aktionspotenzials → Saltatorische Weiterleitung des Aktionspotenzials
Serienstimulation: Wiederholte Reizung in bestimmter fester Frequenz
Supramaximale Stimulation: Stärke des Reizstroms, bei der möglichst alle intakten Nervenfasern eines Nerven stimuliert werden
Ableitung eines Potenzials: Detektion eines Antwortpotenzials nach künstlicher Stimulation als Spannungsänderung über Nerven- oder Muskelzellmembran mittels Hautelektrode
Ableitelektrode (A): Kathode, über Nerv bzw. Muskel platziert
Referenzelektrode (R): Anode, über elektrisch inaktivem Gewebe
Technische Verarbeitung des Antwortsignals: Verstärkung, Filtern und Averaging des Biosignals[2]
Bildschirmdarstellung des Biosignals in Rastereinheiten: 1 Rastereinheit = 1 Division (Div)
X-Achse: Zeit in ms/Div
Y-Achse: Höhe der Amplitude in mV/Div (bzw. μV/Div)
Verstärkung: Verstärkt das eingehende Biosignal, um es darstellbar zu machen
Filterung: Filtert Störfrequenzen aus dem abgeleiteten Signal heraus, um das gewünschte Biosignal zu isolieren
Averaging: Extrahiert sehr kleine Biosignale aus Störfrequenzen durch Mittelwertbildung über mehrere Ableitungen
Sensibles Nervenaktionspotenzial(SNAP): Summe der Aktionspotenziale der am schnellsten leitenden sensiblen Fasern in einem sensiblen oder gemischten Nerven
Definition: Elektrophysiologische Untersuchung der Leitfähigkeit eines oder mehrerer Abschnitte eines motorischen oder gemischten Nerven sowie der Reizüberleitung von Nerv auf Muskel
Prinzip: Elektrische Stimulation eines motorischen oder gemischten Nerven und Ableitung der Muskelantwort über einem von ihm innervierten Muskel
Indikation: Klinischer V.a. motorische Funktionsstörung peripherer Nerven und V.a. periphere Nervenläsion, z.B.
Eine neurografische Untersuchung lässt sich nur schwer standardisieren und erfordert eine flexible Planung und ggf. Planänderungen auch während der Untersuchung, immer abhängig von der klinischen Hypothese und den Ergebnissen der gerade vorangegangenen Untersuchungsschritte.
Vorbereitung
Aufklärung
Orientierende Untersuchung, Bestimmung der zu untersuchenden Nerven
Optimale distale Stimulationsstelle aufsuchen (mit niedriger Stimulationsintensität, Beginn bei 8–10 mA)
Nach Auffinden der optimalen Stelle: Stimulationsintensität steigern (in Schritten von je 3–5 mA), bis die Amplitude des Antwortpotenzials nicht weiter ansteigt (Schwellenwert)
SNAP später erhältlich als MSAP; mit reduzierter Amplitude, wenn erhältlich
sNLG in frühen Reinnervationsstadien deutlich verlangsamt
Bei langstreckiger chronischer axonaler Schädigung (bspw. axonaler Polyneuropathie) finden axonale Schädigung und Regeneration simultan statt. Es zeigt sich weitgehend das Bild einer inkompletten axonalen Schädigung!
Demyelinisierende Neuropathie
Langstreckige Demyelinisierung: Langstreckige Leitungsverzögerung (bzw. durch allgemeine Schädigung/Ausdünnung oder Degeneration der Myelinscheiden)
SNAP: Bei Stimulation distal des Leitungsblocks normale Amplitude, bei Stimulation proximal des Leitungsblocks deutlich reduzierte Amplitude oder fehlendes SNAP
sNLG: Bei Stimulation distal des Leitungsblocks normal, bei Stimulation proximal des Leitungsblocks meist verringert bis normal
Prinzip: Aktivierung der Spindelafferenzen durch submaximale periphere Stimulation eines motorischen Nerven → Monosynaptische Umschaltung auf α-Motoneurone im Rückenmark → Motorische Efferenz → Ableitung des Antwortpotenzials vom Muskel mittels Hautelektrode
10–50 Hz-Reizung für 2–4 s nach vorheriger tonischer Innervation für 5–10 s
Alternative Methode : Supramaximale Einzelstimulation eines peripheren Nerven und Ableitung des MSAP vom innervierten Muskel , dann max. tonische Willkürkontraktion des Muskels über mehrere Sekunden, unmittelbar gefolgt von erneuter Einzelstimulation
Interpretation: Vergleich des 4. oder 5. Potenzials mit dem 1. Potenzial
Normalbefund: Stabile Amplitude bzw. max. Differenz <10%
Inkrement (bei LEMS): Nach tonischer Innervation Zunahme der Amplitude um >50% (Fazilitierung) = Hinweis auf präsynaptische Pathologie
Bei alternativer Methode (Einzelstimulation): Zunahme der Amplitude >60% im Vergleich zur Voruntersuchung (Fazilitierung) spricht ebenfalls für ein LEMS
Elektroneurografische Untersuchung der Hirnstammreflexe
Ziel: Neurografische Funktionsprüfung verschiedener Hirnstammreflexbögen mit dem Ziel der Beurteilung peripherer Hirnnerven und ihrer Kerne im Hirnstamm
Prinzip: Stimulation eines afferentenHirnnerven, Ableitung der motorischen Antwort der reflektorisch innervierten Muskulatur
Indikation
Nachweis von Funktionsstörungen des Hirnstamms und/oder einzelner Hirnnerven sowie deren Lokalisationszuordnung
Zeitliche Einordnung von Hirnnerven- oder Hirnstammläsionen (Beurteilung der Dynamik im Verlauf)
Überprüfung von klinisch nicht sicher zu beurteilenden Hirnstammfunktionen, z.B. im Koma
Ableitung des MSAP vom M. orbicularis oculi unterhalb der Unterlider beidseits mittels Hautelektrode; Referenzelektrode am Nasenrücken
Erdelektrode auf Stirn oder Handrücken
Geräteeinstellung
Verstärkung: 0,1 mV/Div
Filter: 300 Hz–2500 Hz
Zeitachse: 10 ms/Div
Befundung: Abgleich der motorischen Antwortlatenzen mit Normwerten für Obergrenzen und max. Seitendifferenzen
R1-Normalbefunde: Normwertige Latenz und Seitendifferenz, habituiert nicht, selten auch kontralateral ableitbar
R2-Normalbefunde: Beidseits normwertige Latenz, Seitendifferenz unterhalb des Grenzwertes, habituiert
Interpretation pathologischer Befunde, bspw.
Einseitige Schädigung des N. trigeminus: Verlängerte oder ausgefallene R1 sowie R2 ipsilateral und kontralateral, Normalbefunde bei kontralateraler Stimulation
Einseitige Schädigung des N. facialis: Verlängerte oder ausgefallene R1 sowie R2 ipsilateral , normale R2 kontralateral
Einseitige pontine Läsion: Verlängerte oder ausgefallene R1 ipsilateral, normale R2 ipsi- und kontralateral
CAVE: Beeinflussbar durch Wachheit bzw. Bewusstsein!
Normwerte der elektrophysiologischen Prüfung des Blinkreflexes[1]
Befundung: Beurteilung des Mittelwertes der Latenzen zwischen Trigger und MSAP aus 10 Durchführungen, Abgleich mit Normwerten für Obergrenzen und max. Seitendifferenzen
Normalbefunde: Normwertige Latenz und Seitendifferenzen von Latenz und Amplitude, habituiert nicht, vigilanzabhängig!
CAVE: Bei älteren Personen ggf. nicht auslösbar
Interpretation pathologischer Befunde immer in Zusammenschau mit klinischer Funktionsprüfung des N. trigeminus
Zentrale Störung: Pathologische Latenz (ein- oder beidseitig) oder Amplituden-Differenz bei klinisch ausgeschlossener Parese des M. masseter und sensibler Störung des N. mandibularis, sowie intakter Funktion des N. trigeminus
Normwerte der elektrophysiologischen Prüfung des Masseterreflexes[1]